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Medizin

Medizin

 

Die Gefahrenquellen bezüglich der Inhalation von Asbeststaub sind vielfältig. Bis Mitte der siebziger Jahre fand Asbest in der Schweiz eine weite Anwendung, z.B. als Asbestzement und Spritzasbest im Baubereich, in Fußbodenbelägen auf Kunststoffbasis, in elektrischen Nachtspeicheröfen, in Haartrocknern, zur Wärmedämmung von Rohrleitungen in Schiffen und Gebäuden, bei Reibbelägen von Bremsen und Kupplungen, als Zuschlagstoff zur Verringerung des Abriebs von Straßendecken und als textile Asbestprodukte.

Die Latenzzeit der Erkrankung beträgt 20-40 Jahre. Die Wahrscheinlichkeit der Erkrankung ist proportional der eingeatmeten Faserkonzentration und der Expositionsdauer (Faserjahre).

Medizinisch lassen sich die 4 folgenden Formen von Lungenkrankheiten unterscheiden.

Das Factsheet der SUVA über asbestbedingte Berufskrankheiten finden Sie hier.
 

Pleuraplaques
 

Pleuraplaques entstehen, nachdem die inhalierten Asbestfasern durch die Lungen wandern und leicht aus dem Lungenfell herausragen. Bei jedem Atemzug reibt die Asbestfaser am Brustfell und führt so zu einer Entzündung. Das Gewebe reagiert mit einer Bindegewebsverdickung, welche auch verkalken kann. In diesem Krankheitsstadium sind meist keine subjektiv spürbaren Symptome vorhanden.

Pleuraplaques bestehen aus kollagenem Bindegewebe an der parietalen Pleura. Sie sind mehr als 1 mm dick und von der Brustwand durch eine Fettlamelle getrennt. Die Nadeln durchwandern die Alveolarwand (Wand des Lungenbläschens) bis zur Pleura (Lungen-/Brustfell), wo sie charakteristische tafelbergartige Pleuraplaques und diffuse Pleuraverdickungen verursachen. Auf den Pleuraveränderungen bilden sich typische stippchen- und plattenförmige Verkalkungen.

Auf einem typischen Röntgenbild der Lungen, finden Sie entlang des Uebergangs Lunge/Brustwand die Verdickungen im Lungenfell, auch im Bereich des linken Zwerchfells ist eine Verdickungszone dargestellt.

Asbestose
 

Asbestose entsteht durch die Inhalation von Asbeststaub, meist nach 10-15 Jahren. Diese wird auch als Asbeststaublunge bezeichnet. Das Lungengewebe besteht aus ca. 300 Mio Lungenbläschen, welche den Sauerstoff aus der eingeatmeten Luft aufnehmen und an die roten Blutkörperchen weitergeben. Zwischen den Lungenbläschen liegt ein Bindegewebe, welches bei der Asbestose vernarbt. Dadurch werden auch die Lungenbläschen in ihrer Funktion gestört, so dass der Sauerstoff einen längeren Diffusionsweg zurücklegen muss und nur noch verzögert oder gar nicht mehr ins Blut kommt. In 10-20% der Fälle kann sich ein Lungenkrebs oder ein bösartiges Pleuramesotheliom entwickeln.

Die Abwehrzellen der Lunge (Makrophagen) versuchen die eingeatmeten Asbestnadeln zu entsorgen (phagozytieren), wobei diese zugrunde gehen und eine Vernarbung des Lungengewebes (Fibrose) auslösen.
Da die Asbestfasern nicht durch den Körper beseitigt werden können, bleiben diese zeitlebens in der Lunge und führen zu einem fortschreiten der Vernarbung (Lungenfibrose). Diese kann zu einer schweren Lungenzerstörung (Wabenlunge) führen.

Typische Krankheitssymptome der Asbestose sind zunehmende Atemnot, Reizhusten, zäher Auswurf und im fortgeschrittenen Stadium auch Dauersauerstoffbedürftigkeit. In 10-20% der Fälle können auch Lungenkrebs und ein bösartiges Pleuramesotheliom auftreten.

Das konventionelle Röntgenbild zeigt Zeichen einer ausgeprägten Asbestose mit beidseitiger Vernarbund des Lungengewebes (Lungenfibrose). Die Lungenfunktionsprüfung zeigt eine Verkleinerung der gesamten Lunge an und eine schwere Einschränkung des Sauerstofftransports ins Blut (CO-Diffusionsstörung).

Lungenkrebs
 

Lungenkrebs, fachsprachlich Lungenkarzinom oder auch Bronchialkarzinom genannt, geht von den Zellen aus, welche die Atemwege in der Lunge auskleiden. Diese Krebsart ist in der Schweiz die häufigste Krebserkrankung des Mannes. Bei Frauen liegt sie an vierter Stelle.


Im Jahr 2001 erkrankten in der Schweiz rund 2400 Männer und 800 Frauen. Seit Mitte der neunziger Jahre nimmt die Anzahl der Neuerkrankungen bei Männern leicht ab. Bei Frauen hingegen steigt sie stetig um etwa 3% pro Jahr an.


Etwa ab dem vierzigsten Lebensjahr nimmt das Erkrankungsrisiko mit dem Alter zu; das Risiko korreliert außerdem direkt mit dem Tabakkonsum.
Die Symptome wie Husten, Bluthusten (Haemoptoe), Auswurf, Fieber, Dyspnoe, Schmerzen, Leistungsknick, Gewichtsverlust und Nachtschweiss sind Anlaß zur Röntgenaufnahme der Lungen.

Trotz grossen Fortschritten in den bildgebenden Verfahren (Röntgen, Computertomogramm, PET), Operationstechniken und Bestrahlungs-/Chemotherapien hat sich das Ueberleben der Patienten, welche an Lungenkrebs erkranken in den letzten 30 Jahren kaum verbessert.

Das 5-Jahresüberleben von Patienten unabhängig vom Stadium beträgt 5-14%.

Die Positronen Emissions Tomographie ist besonders für die Darstellung von Lymphknotenmetastasen (bösartige Ableger des Primärtumors) geeignet. Durch die Verwendung dieser Methode kann vor einer geplanten Operation eine präzisere Stadieneinteilung vorgenommen werden und so Operationen bei inoperablenSituationen (Stadium IIIB und Stadium IV) verhindert werden.

Pleuramesotheliom
 

Das maligne (bösartige) Pleuramesotheliom (MPM) entsteht im Lungen-/Brustfell (Pleura) oder der Auskleidung des Bauchraums (Peritoneum) und gehört zu den aggressivsten soliden Tumoren.
Das MPM hat in den letzten Jahrzehnten erheblich an Häufigkeit zugenommen. Pro Jahr sterben zur Zeit ca. 50 Patienten/-innen in der Schweiz, was rund 1/2 aller berufsbedingten Todesfälle bedeutet. Eine weitere Zunahme wird bis etwa zum Jahr 2020 vorausgesagt (ca. 100 Todesfälle/Jahr).

Der ursächliche Zusammenhang zwischen Asbest und MPM ist erwiesen. Die Latenzzeit von der Exposition bis zur Tumormanifestation beträgt mindestens 20 Jahre. Man rechnet mit 6-11 Fällen pro 100 Asbestexponierten, bei der Normalbevölkerung mit 1-8 Fällen pro 1 Million Einwohner pro Jahr.

Etwa 5-10% aller Asbestosekranken entwickeln mit einer Latenzzeit von 20-40 Jahren ein malignes Mesotheliom der Pleura. Da die Asbestverarbeitung erst in den achziger Jahren deutlich eingeschränkt wurde (die Weltproduktion hat eine unveränderte Höhe! - 2 Mio Tonnen/Jahr) ist noch für viele Jahre mit einer Zunahme des früher als selten angesehenen Pleuramesothelioms zu rechnen. Hochrisikogruppen sind Bauarbeiter, Zimmerleute und Elektriker.

Praktisch immer weisen Lokalsymptome wie Atemnot, Schmerzen, hartnäckiger Husten oder Gewichtsverlust, selten auch Fieber auf ein fortgeschrittenes Krankheitbild hin. Häufig bestehen kleinere, durch eine Punktion nicht geklärte Pleuraergüsse (Flüssigkeitsansammlung um die Lunge).

Die meisten malignen Pleuramesotheliome werden erst im fortgeschrittenen Stadium entdeckt. Durch das flächenhafte Wachstum werden sie durch Thoraxröntgenaufnahmen oder zT. auch Computertomogrammen schlecht erfasst. Erst durch eine Thorakoskopie (Spiegelung des Brustkorbs) mit Entnahme einer Gewebsprobe (Biopsie) kann die Diagnose gestellt werden.

Der Tumor kleidet im Krankheitsverlauf oft die gesamte innere Thoraxhöhle aus und mauert die Lunge bis auf ein kleines Restvolumen ein. Dieser Zustand wird durch einen Begleiterguß verschlimmert.
Infiltrationen der Brustwand und der Rippen kommen vor, insbesondere entlang Stichkanälen von Biopsien oder Ergußpunktionen. Metastasen sind häufiger als bisher angenommen. Die Überlebenszeit beträgt unbehandelt im Median 4 bis 12 Monate.

Die meisten malignen Pleuramesotheliome werden leider immer noch in fortgeschrittenen Stadien entdeckt.
Häufig zeigt sich als Erstsymptom ein Pleuraerguss (Flüssigkeitsansammlung im Brustkorb um die Lunge), deshalb muss jeder unklare Pleuraerguss weiter abgeklärt werden.
Die übliche Vorgehensweise ist:

1. Thoraxröntgenbild
2. Computertomographie der Lungen
3. Pleurapunktion (Ablassen des Erguss zur Zelluntersuchung)
4. Thorakoskopie (Spiegelung des Brustkorbs) mit Entnahme von Gewebe (Biopsie)
5. Pathologische Untersuchung des Gewebes (Histologie)

Aufgrund dieser Untersuchungen kann dann oft die Diagnose gestellt werden.

Bei nun gesicherter Diagnose sollte falls eine Operation als möglich erscheint eine genaue Stadieneinteilung erfolgen, wobei häufig eine Mediastinoskopie (Spiegelung des Raums hinter dem Brustbein) oder PET-Unterrsuchung zur Bestimmung von Lymphknotenmetastasen erfolgt.

Eine korrekte Stadieneinteilung (Definition der Ausdehnung, Erfassung von Lymphknoten- und Fernmetastasen) des Tumors ist sehr schwierig, da der Tumor flächenhaft wächst und auch mit den modernsten Bildgebungsverfahren (Computertomographie, MRI und PET evtl. ergänzt durch Mediastinoskopie) die genauen Grenzen des Tumorwachstums nicht immer erfasst werden können.

Die Stadieneinteilung erfolgt nach dem TNM-System:
T - Tumorgrösse und Lokalisation
N - befallene Lymphknotenstationen
M - Fernmetastasen

Nach retrospektiven Studien beträgt das mittlere Ueberleben zwischen 4-12 Monaten. In einer deutschen Studie mit 71 Patienten, die nur Symptom-orientiert ("best supportive care" behandelt wurden, betrug das mittlere Ueberleben 12.8 Monate mit einer Standardabweichung von 17 Monaten (10-28 Monate).
Die untenstehende Tabelle zeigt die in der Literatur zur Zeit angegebenen Ueberlebenszeiten bei verschiedenen Behandlungsmodalitäten (H. Patz et al., 2002).

Asbest und Rauchen
 

Asbest und Rauchen = bis zu 100 Mal höheres Lungenkrebsrisiko!

Epidemiologische Studien haben gezeigt, dass die Kombination Rauchen und Asbestexposition das Risiko für die Entwicklung eines Lungenkrebs um bis zu 100-fache erhöht (Rauchen allein bis 25-fache Risiko). Bei den Asbestfasern sind insbesondere die langen Fasern (>5um) krebserregend.

In 10-20% der Asbestosefälle entwickeln sich, abhängig auch vom Tabakkonsum, ein Lungenkrebs oder ein Mesotheliom. Beide Tumoren sind im Zusammenhang mit einer Asbestose als Berufskrankheit anerkannt.

Aufgrund des zytologischen (Zellen) oder histologischen (Gewebeproben) Ergebnisses aus Bronchoskopie (Lungenspiegelung) mit Materialentnahme (Biopsie), ggf. der transthorakalen Punktion und der Sputum-Zytologie wird die therapeutisch und prognostisch wichtige Unterscheidung in kleinzelliges Bronchialkarzinom (25%) und nicht-kleinzelliges Bronchialkarzinom (75%) vorgenommen.

Rauchen allein hat schon enorme Auswirkungen auf Gesundheit und Lebensdauer. Mehr zu diesem Thema erfahren Sie hier.